SSG Blista Marburg
Die Sehgeschädigten Sportgemeinschaft Deutsche Blindenstudienanstalt Marburg (SSG Blista Marburg) ist ein Sportverein, der sich in vielerlei Hinsicht von herkömmlichen Sportvereinen unterscheidet. Zum einen kooperiert die SSG trotz eigenständiger Vereinsführung eng mit der Blindenstudienanstalt. Zum anderen wird sie von aktiven Sportlern selbst geleitet. Weiterhin ist der überwiegende Teil der Mitglieder noch jugendlich. Ziel des Vereins ist es, junge Blinde und Sehbehinderte an den Wettkampfsport im Schwimmen, Torball, Goalball und in der Leichtathletik sowie dem Blindenfußball heranzuführen.
Der Verein, der inzwischen weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt ist, wurde am 5. Februar 1970 gegründet. Bei den Gründungsmitgliedern, die ausschließlich Schülerinnen und Schüler der Carl-Strehl-Schule waren, galt zunächst das Motto: »Einfach mehr Sport treiben«. Diesen jungen Blinden und Sehbehinderten ging es vornehmlich um eine Erweiterung ihrer Freizeitgestaltung. Bereits 1971 nahmen Schwimmer der SSG erstmals an den Schwimmmeisterschaften des Deutschen Behinderten-Sportverbandes (DBS) teil. Der Verein stellte damals die mit Abstand jüngste Mannschaft bei diesen Titelkämpfen und kehrte, wider Erwarten, prompt mit Edelmetall zurück. Damit wurde erkennbar, dass aus dem einstigen Motto mehr werden würde.
Fünf Jahre später wurden die ersten drei Schwimmer für die Behinderten-Olympiade, die Paralympics, nominiert. Bei diesem internationalen Wettkampfdebüt gewannen sie eine Gold- und eine Bronzemedaille. Mit Siegfried Schultz konnte damals der erste Paralympicssieger gefeiert werden. Hier begann eine lange Erfolgsserie, die bis heute nicht abreißt, was durch die kontinuierliche Teilnahme an nationalen und internationalen Wettkämpfen immer wieder deutlich wird. Waren es in den 70er Jahren die Schwimmer, die durch ihre herausragenden Leistungen überzeugten, so feierten ab den 80er Jahren auch die Leichtathleten einen Triumph nach dem anderen.
Immer wieder nahmen Athleten, wie z.B. Klaus Meyer, Walter Knors und Norbert Antlitz an Europa- und Weltmeisterschaften sowie den Paralympics überaus erfolgreich teil. Einigen gelang es gar, die internationale Messlatte durch außerordentliche Leistungen nach oben zu verschieben, indem sie eigene Weltrekorde aufstellten. Bei den Schwimmern war es in dieser Zeit vor allem Carsten Othmar, der reihenweise Rekorde erzielte und sogar die Qualifikationsnorm für die Deutschen Meisterschaften der Nichtbehinderten schaffte. Aber auch im Goalball tat sich in diesem Jahrzehnt einiges. Als erster Marburger schaffte Loc Nguyen-Tan den Sprung in die Nationalmannschaft und sollte dort mehrere Jahre erfolgreich bleiben. Doch dieses hohe Niveau konnte nur durch Intensivierung und Spezialisierung des Trainings erreicht und gehalten werden. Während die Blindenstudienanstalt ihren Schülern ein immer breiteres Sportangebot ermöglichte, wie z.B. Reiten und Skifahren, formulierte die SSG nun klar ihr vornehmliches Ziel, nämlich Leistungssport zu betreiben.
Neben den bereits erwähnten Sportarten entwickelten sich in diesem Jahrzehnt die beiden Mannschaftssportarten Tor- und Goalball, die aus dem Vereinsangebot schon bald nicht mehr wegzudenken waren. Die Spieler der SSG erreichten schon nach kurzer Zeit große Erfolge im Torball auf nationalen Meisterschaften und internationalen Freundschaftsturnieren. So konnten sie ab Mitte der achtziger Jahre die Deutsche Meisterschaft gleich mehrfach in Folge gewinnen. Diverse Vereinsmitglieder schafften sogar den Sprung in die Goal- und Torball-Nationalmannschaft und feierten Erfolge auf Welt- und Europameisterschaften sowie paralympischen Turnieren. War es im Jahre 1989 Martina Komanns, die bei den ersten Europameisterschaften im Torball eine Goldmedaille errang, so gelang im Jahre 2001 Gabi Weck und Christiane Möller ein solcher Erfolg bei den ersten Torballweltmeisterschaften.
Das Jahr 1990 war bislang das erfolgreichste Jahr in der Vereinsgeschichte der SSG. Hier gewannen die Athleten fast alles, was es national und international zu gewinnen gab. So waren es Andreas Bethke, Volker Dein und Jens Hellenschmidt, die 1990 im kanadischen Calgary für Deutschland den ersten Goalball-Weltmeistertitel holten. Im gleichen Jahr errang Uwe Mehlmann bei den Leichtathletikweltmeisterschaften der Behinderten im holländischen Assen die Goldmedaille über 100 und 200 Meter. Der Hochsprung-Titel dieser Wettkämpfe ging an Norbert Antlitz. Und die Leichtathleten Ulrich Striegel und Achim Bayer waren in Assen Mitglieder der ersten deutschen Weltmeisterstaffel über 4 x 100 Meter. Olaf Mehlmann holte sich bei den Leichtathletik-Jugend-Weltmeisterschaften im französischen St. Etienne im Weit- und Hochsprung den Titel.
In den weiteren Jahren wurden die nationalen und auch internationalen Erfolge weitergeführt. Die Goalball-Herren dominierten über Jahre hinweg die Deutschen Meisterschaften und Thomas Validis, Annett Burger, Ulrich Striegel, Olaf und Uwe Mehlmann erkämpften sich in der Leichtathletik immer wieder internationale Medaillen. Heute dominieren die Marburger Goalballer die nationalen Meisterschaften. Der Marburger Jugend gelang es sogar den Jugendmeistertitel viermal in Serie zu gewinnen. Aktuell kann die SSG stolz von sich behaupten, dass sechs Herren- und vier Damennationalspieler das SSG-Trikot tragen. Heute zählt der Verein mit mehr als 120 internationalen Medaillen seiner Athletinnen und Athleten zu den erfolgreichsten Behindertensportvereinen Deutschlands, was bei der Gründung des Klubs wohl kaum einer zu hoffen gewagt hätte.
Landesleistungsstützpunkte und paralympischer Stützpunkt
Im Jahr 2009 wurde diese Entwicklung vom hessischen Rehabilitations- und Behindertensportverband (HBRS) honoriert. Man ernannte die SSG Blista Marburg zum Landesleistungsstützpunkt für Judo, Blindenfußball und Goalball. Im Goalball sollte dies sogar noch eine höhere Stufe erreichen: seit dem Jahr 2011 darf sich der Verein auch stolz paralympischer Stützpunkt für die Sportart Goalball nennen. In jeder dieser Abteilungen kann man Jahr für Jahr sehr gute Erfolge erringen und somit dem HBRS ein Dankeschön für diese Ernennung geben.
Eigene Turniere
Ab Mitte der 80er Jahre war der Verein selbstbewusst genug, um auch Wettkämpfe auf heimischem Terrain auszurichten. Gleich das erste Highlight bildete der 1986 neu ins Leben gerufene und für Marburg äußerst erfolgreiche Eurocup im Torball, wobei die SSG bei den Herren Platz drei und bei den Damen den Sieg einfahren konnte. Dem folgten bis Mitte der 90er Jahre vier internationale Leichtathletikmeetings, die bei den ausländischen Gästen sehr beliebt waren. Dabei erzielte Olaf Mehlmann, der als erster sehbehinderter Weitspringer die Sieben-Meter-Marke übertraf (7,01 Meter), 1994 sogar einen Weltrekord. Im Bereich Goalball wurde 1995 wegen des 25jährigen Bestehens des Vereins der Eurocup in Marburg ausgetragen, an dem insgesamt zwanzig Teams aus achtzehn unterschiedlichen Nationen teilnahmen. Die Deutschen Meisterschaften 1991 und 1997 sowie ein Nationalmannschaftsturnier 1991 und die erste Deutsche Jugendmeisterschaft 2002 rundeten die Aktivitäten im Goalball ab. Im Torball veranstaltete der Verein zahlreiche internationale Freundschaftsturniere und als Höhepunkt war der Verein anlässlich seines 30jährigen Bestehens im Jahre 2000 der Gastgeber des zweiten Torball-Worldcups.
Nachwuchsförderung
Da die meisten der ca. 100 Vereinsmitglieder als Schüler an die Deutsche Blindenstudienanstalt kommen und Marburg nach Beendigung ihrer Ausbildung oftmals wieder verlassen, setzt der Verein schon seit Beginn auf die besondere Förderung des Nachwuchses, um den Abgang der Leistungsträger zu kompensieren. Hierfür wurde der SSG im Jahre 1988 das Grüne Band der Dresdner Bank für »Vorbildliche Jugendarbeit« verliehen.
So bietet der Verein beispielsweise spezielle Trainingstermine für die ganz Jungen an. Darüber hinaus ermöglicht er Fahrten zum Jugendländercup im Schwimmen und in der Leichtathletik sowie zum alljährlichen Jugend-Torballturnier im schweizerischen Zollikofen. Bei diesen Veranstaltungen konnten auch schon die jüngsten Athleten mit beachtlichen Erfolgen aufwarten. Um diese Kontinuität zu sichern, bedarf es des besonderen Engagements der Trainerinnen und Trainer, die vielfach ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen und Ideenreichtum an den Tag legen. Dieses Hauptaugenmerk Jugendförderung ist aber auch in allen anderen Abteilungen zu erkennen. Oft müssen abgehende Leistungsträger ersetzt werden und dies gelingt immer wieder aufs Neue.
Wie wurden wir bisher unterstützt?
Wie anhand der langen Erfolgsbilanz der SSG Blista Marburg zu sehen ist, haben sich all die Mühen über viele Jahre hinweg ausgezahlt, nicht nur sportlich. Auch konnten gesellschaftliche Anerkennung errungen und wichtige soziale Kontakte geknüpft werden. Schließlich ist die Arbeit des Vereins ein wichtiger Bestandteil zur Integration junger behinderter Menschen geworden.
Da die Mitglieder des Vereins zum größten Teil Schüler oder Studenten sind, können wir leider die anfallenden Kosten nicht allein tragen. Daher sind wir für die enge und freundschaftliche Zusammenarbeit mit der Blista dankbar, die die SSG in finanzieller, aber auch ideeller Hinsicht unterstützt. Zum Beispiel wird dem Verein eine bevorzugte Sportstättennutzung ermöglicht. Hierfür dankt die SSG der blista. Diese Förderung allein reicht aber nicht aus, um den normalen Sportbetrieb aufrecht erhalten zu können. Die Erfolge der letzten Jahre wären nicht möglich gewesen, wenn es uns nicht gelungen wäre, private Firmen als Sponsoren zu gewinnen.
Hinzu tritt aber auch eine regelmäßige Förderung eigener Sportveranstaltungen durch die Stadt Marburg, den Landkreis Marburg-Biedenkopf sowie das Land Hessen, den Bund und der Europäischen Union. Auch wurden wir von verschiedenen Stiftungen bei der Durchführung eigener Veranstaltungen gefördert.
Die Zukunft
In den nächsten Jahren will die SSG in all ihren Sportarten weiterhin erfolgreich bleiben. Auch vor Neuerungen wie z.B. einem Rehasport-Bereich will man nicht zurückschrecken, um den Verein noch attraktiver machen zu können. So hofft man, dass die SSG Blista Marburg das bleibt, was sie schon lange ist: Ein Vorzeigeverein, auf den alle aktiven und ehemals aktiven Sportler zu Recht stolz sein können.
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